Reiterlied   




Morgenrot, Morgenrot – 

Leuchtest mir zum frühen Tod?

Bald wird die Trompete blasen, 

dann muss ich mein Leben lassen,

ich und mancher Kamerad.

Ach wie bald, ach wie bald 

schwinden Schönheit und Gestalt!

Heute noch auf stolzen Rossen, 

morgen durch die Brust geschossen,

übermorgen in das kühle Grab.


Die bange Nacht ist nun herum. 

Wir reiten still, wir reiten stumm,

wir reiten ins Verderben!

Wie weht so scharf der Morgenwind!

Frau Wirtin, noch ein Glas geschwind – vorm Sterben!

Du junges Gras, was stehst du so grün? 

Musst bald wie lauter Röslein blühn;

mein Blut ja soll dich färben!

Den ersten Schluck – ans Schwert die Hand – 

den trink ich für das Vaterland ... zu sterben.

Und schnell den zweiten hinterdrein, 

und der soll für die Freiheit sein!

Den zweiten Schluck vom Herben.

Dies Restchen nun, wem bringe ich's gleich?

Das Restchen dir, oh Römisch Reich, zum Sterben!

Dem Liebchen ... Doch das Glas ist leer. 

Die Kugel saust, es blitzt der Speer.

Bringt meinem Kind die Scherben!

Auf in den Feind wie Wetterschlag! – 

Oh Reiterlust, am frühen Tag zu sterben.



Horseman's Song




Dawn, dawn – 

Do you light my young death?

Soon the trumpet will blow 

and I will lose my life,

like many of my comrades.

Oh so soon, oh so soon,

beauty and shape will fade!

Today, we still ride proud horses,

tomorrow we'll be shot through our chests,

and the day after will see us in our cool graves.


The night of fear is over now. 

We are silently riding, 

riding towards destruction!

How harshly the early morning wind blows!

Waitress! One more glass, quick – before I die!

You young grass – why are you standing so green?

Soon you'll blossom like roses, 

coloured by my blood! 

Hand to the sword: The first toast we drink 

is to the Vaterland – to its death.

And quickly the second gulp!

This toast with dry wine shall be 

to freedom!

And what about the rest?

It's to you, oh Roman Empire, to your death!

To my darling ... But the glass is empty.

Bullets whistling, spears flashing ...

Bring the fragments to my child.

Up! Into the battle like a thunderstorm!

Oh horseman's delight to die in the early hours of the day.


"Morgenrot"  (Trad/ Wilhelm Hauff, 1824) 

"Reiterlied"  (M: Justus Wilhelm Lyra 1843, T: Georg Herwegh 1841)

 

"Dawn, Dawn"  (Trad/ Wilhelm Hauff, 1824) 

"Horseman's Song"  (music: Justus Wilhelm Lyra 1843, 

                                          words: Georg Herwegh 1841)



 >> CD "Hüt dich, schöns Blümelein!"




"Morgenrot" wird zitiert in Karl Valentins Anti-Kriegs-Komödie "Ritter Unkenstein" von 1939. Das war 1994 die erste Inszenierung des "Fränkischen Theatersommers", und ich durfte – unter der Regie von Jan Burdinski – als Schauspieler und Musiker mitwirken. 

Als Reminiszenz an alle "Unkensteiner" von damals beginne ich auf meiner CD das "Reiterlied" mit "Morgenrot".

Wilhelm Hauff ist tatsächlich der Märchendichter Hauff.

Das "Reiterlied" wurde aufgrund der Zeile "Oh Reiterlust, am frühen Tag zu sterben"  lange Zeit im heroisch-todessehnsüchtigen Sinne verstanden – und so fand es auch Eingang ins Repertoire reaktionärer und faschistischer Gruppen. Ich hoffe durch meine Interpretation deutlich zu machen, in welchem Sinne ich den Text und den Charakter der Vertonung Lyras verstehe und sehe mich bestärkt durch die Tatsache, daß der schwäbische Revolutionsdichter Georg Herwegh, der mit der emanzipierten Emma Siegmund (nach Nazi-Definition eine Jüdin) verheiratet war, Karl Marx und Heinrich Heine nahestand. Emma veranlasste nicht nur Georg, sich mit der "Deutschen Demokratischen Legion" am Badischen Aufstand im April 1848 zu beteiligen, sie war auch selber – als einzige Frau – unter den etwa 600 Aufständischen. Nach dem (vorhersehbaren) Scheitern flohen beide über den Rhein in die Schweiz. Erst 1866 konnten sie aus dem Exil nach Baden zurückkehren. Georg Herwegh starb 1875 an einer Lungenentzündung. Emma lebte bis 1904.

Justus Wilhelm Lyra - ein Unbekannter?

Hier sind zwei weitere Lieder, zu denen er die Melodien schrieb. Das Maienlied könnte durch "Weißt du wieviel Sternlein stehen" inspiriert sein.




"Dawn, Dawn" ("Morgenrot") was quoted by the famous Munich cabaret author Karl Valentin in his anti war comedy "Ritter Unkenstein" from 1939. In 1994, this was the first play of the "Fränkischen Theatersommer" (an open air theatre group, giving performances on numerous castles in the mountains between Bamberg and Bayreuth) that I joined as an actor and a musician.

Beginning the "Horseman's Song" with "Morgenrot" on my CD "Hüt dich, schöns Blümelein!" is my reminiscence to all "Unkensteiners" from way back when.

Wilhelm Hauff stood the test of time with his famous fairy tales.

The "Horseman's Song" ("Reiterlied")  was misinterpreted in a heroic, death-yearning meaning for a long time, caused by the words "horseman's delight to die in the early hours of the day (for the "Vaterland")" – therefore being included in the repertoire of reactionary and fascist groups. With my musical interpretation, I hope to state it clear in which way I understand the lyrics, as well as the character of Lyra's setting to music. The fact that the revolutionary poet Georg Herwegh, who was married to the emancipated Emma Siegmund (a Jew, by Nazi definition), was closely connected to Karl Marx and Heinrich Heine, confirms me in my point of view.

After both having participated at the Badenian April Rising in 1848, Georg and Emma had to exile to Switzerland. They were not allowed to return to Baden before 1866. Georg Herwegh died in 1875 from pneumonia. Emma lived until 1904.

Here are two more songs that Justus Wilhelm Lyra set in tune. Both are among the best-known German folk songs:




Der Mai ist gekommen



Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.
Da bleibe wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus.
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht.
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert;
es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.


Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl,
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all
mein Herz ist wie eine Lerche und stimmet ein mit Schall.


Und abends im Städtchen, da kehr' ich durstig ein:
Herr Wirt, mein Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
Ergreife die Fiedel, du lustiger Spielmann du,
von meinem Schatz das Liedel, das singe ich dazu.


Und find ich keine Herberg, so liege ich zur Nacht
wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht.
Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.


O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!
Da weht Gottes Odem so frisch in der Brust;
da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!



(J.W.Lyra, 1842 / Emanuel Geibel, 19th century)






Alle Jahre wieder



Alle Jahre wieder kommt das Christuskind
auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.

Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus.
geht auf allen Wegen mit uns ein und aus.

Ist auch mir zur Seite, still und unerkannt,
daß es treu mich leite an der lieben Hand.



(J.W.Lyra/ Wilhelm Hey, 19
th century)




                                           




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