Minnesängers Beichte  (Ballade vom Tannhäuser)


Ich bitt euch, Eure Heiligkeit, der Ihr den Kreuzstab tragt,
seid gnädig und gewähret mir die Beichte!
Nur Rom könne mich retten, hat ein Pater mir gesagt:
Die Sünde, die ich trag', ist keine leichte.
Bin ein Sänger, schrieb einst Lieder über hohe, edle Liebe –
ich dichtete, als wüsst' ich, was das sei.
Dann lernte ich die Sprache unsrer körperlichen Triebe.
Wenn Ihr's wünscht, so erzähl ich's im Detail.

Traf die unbekannte Schöne kurz vor Eisenach am Berge:
Sängerkrieg und Wartburg waren mein Ziel,
doch ihr sang ich vor Ort gleich eine Handvoll meiner Werke.
Sie sprach: "Von Liebe weißt du wohl nicht viel!
Dein Minnesang, du Jüngling, ist so kitschig und so bieder,
und Wartburg ist doch alle Jahre wieder.
Ich wohn in einer Höhle, gleich da vorn unter den Eiben.
Ich bring dir alles bei, und wenn du willst, dann kannst du bleiben."

Ich gestehe, Eminenz, daß ich auch blieb, als sie enthüllte,
daß sie die Liebesgöttin höchstpersönlich sei.
Wohl weil sie immer um mich war und mein Verlangen stillte
und mir Unsterblichkeit, so sagte sie, verleih,
ja, daß die Zeit, solang ich bei ihr weilte, nicht vergehe.
Ich frage Euch, wer bliebe denn da nicht?
Die Seligkeit im Diesseits schon, nicht erst in Himmels Höhe!
Doch Ihr seht: Ich entschied mich für Verzicht.

Weshalb? Nun ja, mich packte dort im Venus-Paradies
das Verlangen, neue Lieder mir zu schreiben –
oder eher nach der Sehnsucht, die mich früher schreiben ließ?
So sagte ich ihr: Schatz, ich kann nicht bleiben.
Sie sprach: "Ich sah es kommen, daß du dich nicht ewig bindest.
Doch sollte es dich reuen: Du weißt, wo du mich findest."
Wir liebten uns ein allerletztes Mal, dann brach ich auf,
nahm in Eisenach ein Zimmer, ließ der Feder freien Lauf.

Dann brach er aus, der Sängerkrieg: Es kamen die Kollegen,
die namhaftesten aus dem ganzen Reich.
Das Volk im Hof der Wartburg jubilierte uns entgegen
zum künstlerischen Qualitätsvergleich.
Ich hörte all die anbiedernden Orpheus-Epigonen
von der reine Minne singen stundenlang:
All die himmelhoch verlogenen und eierlosen Oden,
wie ich selbst im frühren Leben sie mal sang.

Aber das war ja schon Tausende von Liebesakten her:
Da stand ich, Eminenz, und konnt' nicht anders:
Den neuen Venus-Liederzyklus bracht ich zu Gehör,
mein frisches Repertoire zum rechten Anlass! –
Dann sah ich in gerötete Gesichter und vernahm
"obszön"- und "schamlos"-Rufe aus der Menge.
Ich schrie heraus: Die Liebesgöttin kenne keine Scham!
Ich wüsste sehr genau, wovon ich sänge!

So hat man mich vom Singewettstreit disqualifiziert.
Die Kollegen ringsum mieden den Kontakt.
Ein Pater sprach: "Mein Sohn, ist, was du singst, wahrhaft passiert?"
Ich versetzte, ich könnt's beichten, es sei Fakt.
Doch er sprach: "Sakramente Christi sind für dich tabu,
da deine Seele du der falschen Gottheit gabst!
Geh zu Fuß nach Rom, rat ich dir streng und geradezu:
Retten kann dich allenfalls der Papst."

Und Ihr, Heiligster Vater, hehres Ziel der Pilgerei,
der Ihr den Hirtenstecken tragt an Christi Statt,
Ihr sagt mir, ehe Gott mir meine Missetat verzeih,
entsprieße eurem Stab ein neues Blatt?
So scheid ich ohne Hoffnung, ein Verdammter immerdar.
Der Weg zurück ins Heimatland ist lang. – 
Wer den Tannhäuser (so hieß der Mann) von dannen ziehen sah,
war nicht sicher, ob er weinte oder sang.

Es heißt, drei Tage später wuchs dem Papste junges Grün
aus dem Holze seines Hirtenstabs, dem toten.
Da hatte wohl ein anderer dem Tannhäuser verziehn –
Der Papst verstand es wohl; er schickte Boten:
"Verkündet ihm Vergebung, dem so unbedacht Verfluchten!"
Doch bald verlor die Spur sich des Gesuchten,
der inzwischen nämlich wieder bei der Liebesgöttin lag.
Und dort liegt er noch heute – bis zum letzten Tag.



(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, Oktober 2018



Minnesinger's Confession (Ballade of Tannhäuser)


I'm begging you, Your Holiness, who carry the cross-staff,
be gracious and grant me the confession!
A priest told me, Rome alone could save me:
I have a heavy sin to bear.
I'm a singer, I once wrote songs about noble love,
pretending to know all about it.
Then I learnt the language of our physical drive.
If you wish, I'll tell you in detail.

I met the unknown beauty on a mountain near Eisenach :
My destination: The Minstrel Contest on the Wartburg.
But to her, right on the spot, I sang a handful of my works.
She said, "You don't know much about love, I guess!
Your minnesong, young lad, is so cheesy and so plain,
and Wartburg, you know, is every year again.
I live in a cave, right over there, under the yews.
I'll teach you everything, and if you want, you may stay."

I confess, Eminence, that I also stayed after she revealed
that she was the Goddess of Love in person.
Probably because she was always with me, satisfying my desire
and saying that she granted me immortality
and that time, while I was with her, would not pass.
I'm asking you, who wouldn't stay under these conditions?
Having bliss in the present world instead of waiting for Heaven!
But you see: I decided to renounce.

Why? Well, over in Venus Paradise, I was grasped
by the desire to write new songs

or rather for the yearning that once made me write?
So I told her: Dearast, I can't stay.
She said: "I foresaw that you would not bind yourself forever.
But should you feel remorse: You know where to find me."
We made love for the very last time, and then I left.
In Eisenach, I rented a room and let the pen run wild.

Then the Singer's War broke out: The colleagues arrived,
the most notable from the whole empire.
The people in the Wartburg's courtyard rejoiced us
for the artistic quality comparison.
I listened to the curry favouring Orpheus epigones
sing for hours and hours about the pure courtly love:
All the blatantly false and ball-less Odes,
like those I had once sung myself in a former life.

But that was thousands of love acts ago:
There I stood, Eminence, I could do nothing else:
I performed the new Venus song cycle,
my latest repertoire for the right occasion!

Then I looked into flushed faces, and I heard
calls like "obscene" and "shameless" from the crowd.
I exclaimed: The Goddess of Love knows no shame!
I knew exactly what I'm singing about!

I was disqualified from the Singing Contest.
The colleagues around avoided any contact.
A priest said, "Son, the things you sang, did they really happen?"
I said, I could confess it, it was fact.
But he said, "The Sacraments of Christ are taboo for you,
since you gave your soul to the false deity!
Walk to Rome, this is my strict and straigt advice:
At best, the Pope can save you."

And you, Holy Father, noble destination of my pilgrimage,
who carry the crook in Christ's place,
You tell me, before God forgive me my misdeed,
a new leaf would sprout from your staff?
Well, so I'm leaving without hope, a damned forever.
The way back to my homeland is long.

Whoever saw Tannhäuser (that was the man's name) walk away,
was not sure if he was crying or singing.

It is said that, three days later, the Pope discovered young green
growing from his crook's dead wood.
So, someone else had forgiven Tannhäuser

The Pope understood well; he sent out messengers:
"Proclaim absolution to the thoughtlessly cursed!"
But soon, they lost the trail of the wanted man
who, by now, was lying with the Goddess of Love again.
And that's where he still is
and will be until the last day.




(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, Oktober 2018

 





Das "Geschmacksverstärker"-Motto am 3. Oktober 2018 lautete "Zauberland".
Aber diese Geschichte, die irgendwo zwischen Sage und Legende angesiedelt ist, wollte ich schon seit Jahren gern neu erzählen.

Die Venusgrotte auf dem großen Hörselberg gibt es wirklich. Nachdem 2010 die alte Trasse der Autobahn A4 abgetragen wurde, könnte die Venus eigentlich zurückkehren.
Oder die ursprüngliche Bewohnerin, Wotans Frau Holda/ Hulda/ Holle, wie es in einem alten Volksglauben heißt.



                                           




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