Daß Karl May (1842-1912) nie einen Fuß in den Wilden Westen setzte, ist hinlänglich bekannt. Seine wilde Jugend dagegen kaum:
Armut, Blindheit, von Teufeln und Gendarmen gejagt, sieben Jahre Knast ... Mays Biografie liest sich wie ein Märchen.
Und seine Werke als Liederkomponist dürften ebenso überraschen wie die Tatsache, daß es zu seiner Zeit in Nordamerika wahrhaftig deutschsprachige Countrymusik gab:
Spirituals, Volks- und Kinderlieder mitten aus dem realen (Farm-)Alltag der Neuen Welt. Vieles davon im charakteristischen Gemisch süddeutscher Dialekte, dem “Pennsylvania
Dutch”.
Holger Saarmann (Preisträger bei “Songs an einem Sommerabend
2007”) und die Berliner Folkmusikerin Vivien Zeller (u.a. Geigerin bei
Malbrook & Kwart) bieten im Duo einen bunten, höchst unterhaltsamen Lieder- und Lese-Abend voller erstaunlicher
(Wieder-)Entdeckungen.
Am 30. März 2012 jährt sich der Todestag von Karl May zum 100. Mal. Das
Programm wurde in den sieben Jahren seit der Premiere immer wieder
umgestaltet.
Presse-Zitate:
„Erstaunlich
authentisch
sowohl musikalisch als auch in der Diktion ... Oft ist zu
spüren, wie die bäuerlich geprägten Pioniere mit Galgenhumor den
unerwarteten Widrigkeiten der Neuen Welt zu begegnen versuchten. Hörbar
wird auch, wie sie sich allmählich akklimatisieren, etwa durch Aufnahme
neu gelernter englischer Wörter in den heimischen Dialekt. Der klare
Tenor des Liedermachers Holger Saarmann ... passt wunderbar sowohl zu
den Cowboy- und Goldgräber-Songs in englischer als auch zu den
Auswandererliedern in vorwiegend pfälzisch-schwäbischem Idiom. Vivien
Zeller steuerte kongenial die Zweitstimme, vor allem aber ihr sensibles
Spiel auf der Geige bei“
„Eine
Atmosphäre wie an einem Lagerfeuer im Wilden Westen: Von langsamen
Balladen bis zu schnellen Volkstänzen – das Berliner Duo bot einen
Rundumschlag. ... Nach drei Zugaben entließen Holger Saarmann und
Vivien Zeller die Zuhörer wieder in die ungefährlichen Verhältnisse der
Alten Welt.“
Aichacher
Nachrichten
„Die Lieder der Pennsylvania Dutch ...
eingebettet in kabarettistische Leseszenen aus Winnetou III als
eine
aufrichtige wie ironische Reminiszenz an die Fantasiewelt des
berühmten Künstlers, der sich wie die beiden Musiker einen Wilden
Westen erschuf, ohne die Alte Welt bis dato je verlassen zu haben.
...
Den einseitigen Darstellungen Karl Mays
begegneten die Künstler dabei stets mit angemessener subtiler Ironie
und kabarettistischem Gespür.“
Wie
und was sangen eigentlich die Deutschen in Amerika?
Auch ein Musiker benötigt
für Amerika ein Einreisevisum – es sei denn, er führe als blinder
Passagier,
verborgen hinter zwei, drei Jahrhunderten, auf einem der
Auswandererschiffe mit
und lauschte den Liedern, die die Deutschen in der Fremde singen.
Was
aber haben sie gesungen? Nur die alten Lieder der Heimat?
Generationenlang, bis
zur sprachlichen Assimilation?
Wohl kaum!
Sie müssen doch ihre ganz speziellen
Lieder gehabt haben, diese Deutschen in der Neuen Welt des 18., 19.
Jahrhunderts
– auch Dichter, die sie erdachten und Barden, die sie unters Volk
brachten.
Nicht in Amerika, sondern im Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg
erhielt ich
Antwort auf meine Fragen: Es gebe Etliches an Liedern von den Pennsylvania
Dutch, Lieder von der Farm, Kinderlieder, Spirituals,
...
Dutch,
das ist eine Laune der Sprachgeschichte: Dutch
heißt ja eigentlich deutsch; das Wort
ist eben älter als die Abspaltung der Niederlande vom Heiligen
Römischen Reich
im 15. Jahrhundert. Meyers Großes
Taschenlexikon (5. Auflage, 1995) weiß: "Pennsylvaniadeutsch ist
ein Gemisch aus südwestdeutschen
Mundarten, wobei das Pfälzische in der Lautung, das
Pfälzisch-Schwäbische im
Wortschatz und das Fränkisch-Bairische in der Satzmelodie vorherrscht.
Es wurde
stark vom amerikanischen Englisch beeinflusst."
Pennsylvania, Nachbarstaat von New York, war das Zentrum der
euro-amerikanischen
Zivilisation. In Philadelphia wurde 1787 die Verfassung der USA
verabschiedet
(nach dem Modell der Verfassung vom Commonwealth of Massachusetts,
1780);
zehn Jahre
war Philadelphia Bundes-Regierungssitz. Nach den
Vorstellungen des englischen Quäkers William Penn (1644-1718), der die
ehemalige Kolonie nach seinem Vater, einem Admiral, benannte, sollte
Pennsylvania ein Refugium für die Verfolgten aller Welt werden, ein
Modellstaat, geprägt von weltanschaulichem Pluralismus und Toleranz.
Sklaverei,
wie in den Südstaaten, war hier verpönt! Schon
1688 wurde hier öffentlich gegen den Menschenhandel protestiert – in
einem fünf
Jahre zuvor von Krefelder Mennoniten gegründeten Städtchen namens
Germantown,
der ersten deutschen Siedlung in Nordamerika. (>>
Externer
Link
zu diesem Thema, >>
Die Petition im originalen Wortlaut) Pennsylvania war ein moderner
Staat, der Wilde Westen ganz woanders!
Und doch scheint heute gerade das
deutsche Pennsylvanien für Wildwest-Nostalgiker ein geeignetes
Reiseziel zu
sein: In Lancaster County haben
sich die Angehörigen der Amischen Sekte (einer Splittergruppe der
Mennoniten)
aus strenggläubig christlicher Tradition und Überzeugung dem
Fortschritt der
Neuzeit verweigert. In bewusster Abgrenzung zur restlichen Welt konnten
hier
alte deutsche Dialekte als Alltagssprache lebendig erhalten werden.
Gottesdienste werden auf
Hochdeutsch gehalten; die Amtssprache Englisch lernen die Kinder erst
in der
Schule. Von Autos und Strom wird allenfalls in Notfällen Gebrauch
gemacht.
Aber Achtung: Mennoniten oder Amische zählen weder von ihren Dialekten
noch von ihren Emigrationshintergründen her
zu den Pennsylvania Dutch! (Hier
noch einige Details)
Und
die meisten echten Pennsylvania Dutch haben sich längst
assimiliert und pflegen die Erinnerung an die Sprache ihrer Vorfahren
nur noch
in den Versammlingen– und Internetpräsenzen– der Traditionsvereine.
Lieder, so deutsch wie der Wilde Westen – das ergibt eine bunte Collage
von
Worten und Klängen aus und über Amerika.
Sie ist aber nebenbei auch
Widmung und Erinnerung an unseren Pionier im Geiste: Karl May
(1842-1912), der auch ein begabter, wenngleich durchs Schreiben meist
verhinderter Komponist und Musiker war.
Ehrlich gesagt haben mich seine Romane nie so sehr gepackt, daß ich
nach zehn Bänden die restlichen siebzig lesen wollte. Auch sind mir
nach zwanzig Jahren kaum Erinnerungen geblieben, außer an Namen und
Figuren und an die Marter der Spannung, die sich aber beim Versuch des
Wiederlesens einfach nicht mehr einstellen will.
Wie packend ist dagegen die Biographie des Autors – obwohl sie fast
ausschließlich in Sachsen spielt! Erstmals mit 57 Jahren reiste May in
den Orient, erst als 66-jähriges Greenhorn nach Amerika. Die
Niagarafälle waren das Wildeste und Westlichste, was er dort sah.
Das von uns zitierte Kapitel aus "Winnetou III"
(1893) spielt im Staat Wyoming. Möglich, daß dort tatsächlich Deutsche
siedelten. Die Darstellung von Helldorf
Settlement und seinen Bewohnern ist nicht ganz unrealistisch;
offenbar hat May aus authentischen Quellen geschöpft, vielleicht sogar
Beschreibungen der Pennsylvania
Dutch gelesen. Die Briefe des Mecklenburger Auswanderers Jürnjakob Swehn in Iowa
kannte er allerdings nicht, denn die veröffentlichte Johannes Gillhoff,
der Sohn des Empfängers, erst 1917.
Erstes Plakat von Katalin Zenker zur
Premiere 2005:
Die Ankündigung zu einem Missionsabend?
Nein:
Winnetous letzte Worte, bis 2010 auch Teil des
Programms.
<< Einige Kostproben dessen, was wir über Karl May
zu berichten haben!
Ich
war noch nie in Amerika, dabei locken dort so viele
Dinge. Die meisten davon lassen sich singen, in neuen und
alt-überlieferten
Liedern. Oft sind es nicht die Worte, sondern Atmosphäre und Ausdruck
eines
Liedes, was da lockt. Und offenbar – das zeigt meine freie Übertragung
des
Appalachian Spirituals "Wayfaring
Stranger"–
inspirieren die
Melodien aus diesem
fremd-vertrauten, großen Land, das so viele Menschen über den Atlantik
lockte,
zu melancholischen Gedanken über Heimat und die Suche nach ihr.
Dank geht an
Barbara Boock, Michaela Zwenger und ihre KollegInnen im Deutschen
Volksliedarchiv in Freiburg (Breisgau) für alle bibliothekarischen
Dienste und für freundliche, geduldige und kompetente Auskünfte und
Hilfen zu all meinen neugierigen Fragen.
Prof. Dr. Rolf Brednich, Ethnomusikologe im Ruhestand, der mir aus
Neuseeland mit Tips und Zuspruch half.
Dr. Michael Werner, Roland Paul, Michael Geib (Deutsch-Pennsylvanischer
Arbeitskreis) für
weiterführende Tips aus der Pfalz.
John Schmid, Folksänger in Berlin, Ohio für hoffentlich anhaltenden
lyrisch-musikalischen Austausch.
Gerhard Kütbach, Inhaber des
Antiquariats Geisterschmiede in Berlin-Prenzlberg, der
mir hilfreiche und wichtige Informationen zu Karl May und zur
Karl-May-Gesellschaft geben konnte.
den Karl-May-Verlag Bamberg für die freundliche Übersendung einer
Kopiervorlage.
alle Mitarbeiter der folgenden Spielorte: "Zimmer 16"
(Premiere),
"SISTERS coffee-bar", Verlängertes Wohnzimmer,
Karl-May-Freundeskreis Wilmersdorf, Atelier Theater Wedding,
Kulturhaus Mitte, Zebrano-Theater,
Periplaneta
(alle Berlin),
Fenster
zur Stadt (Nürnberg), ESG
Bamberg, Weinstube Stadtmühle (Scheßlitz), Neustädter Kirche in Einbeck,
Galgenberg-Restaurant/ "Kunstschnee" Hildesheim, die Musikscheune/
Museumsverein Freilichtmuseum Schwerin, Villa
Musica (Ochtrup), Hennekens
Hof (Bad Bentheim), Paul-Gerhard-Gemeinde Aichach, De Bäre
(Deißlingen),
Auerbachs Kellertheater & Stadt Staufen, Musikschule Rauenberg,
Mennonitische Gemeinde Bolanden-Weierhof, Theater
der Nacht (Northeim), Kirche Neutornow, Café
Kreuz & Quer (Landau), Café
AmErika (Horb), Café
Bähre (Gehrden), ...
Herbert Rahnenführer für die hier
veröffentlichten Video-Mitschnitte aus dem Galgenberg-Restaurant in
Hildesheim.
Bernd G. Längin: Die Amischen
– Vom Geheimnis des einfachen Leben.
List:
Himberg 1990.
(Ein Erfahrungsbericht über die Amischen im US-Staat Indiana)
Michael Holzach: Das vergessene Volk – Ein Jahr bei den deutschen
Hutterern
in Kanada. dtv: München 1982.
(Noch ein Erfahrungsbericht, packend erzählt!)
Werner Krum: USA – Die Ostküste. München
1981/ 88.
Wieland Herzfelde: Nachwort
in Harriet Beecher-Stowe: Onkel Toms Hütte.
(1852).
Verlag
Neues Leben, Berlin 1952, Auflage 1975 (!).
Karl-May-Gesellschaft: Unmengen an
Quellentexten! Hier gibt's fast alle Texte von Karl May online zu lesen!
Karl
May: Winnetou
III - im Internet (ext. Link)
(Achtung! Bei den populären Buchausgaben des Karl-May-Verlages Bamberg
handelt es sich um
stark bearbeitete Texte, die urheberrechtlich geschützt sind! Die
im Internet veröffentlichten Versionen sind generell näher am Urtext.)
Amische – und somit weitere kleine deutsche
Sprachinseln mit Dialektvarianten – gibt es
auch in
Indiana, Michigan, Kansas, Wisconsin, Iowa
–
und sogar in Kanada, wo die
Amischen neben den ur-kommunistischen Hutterern zu den ertragreichsten
Farmern
zählen.
Amische, Mennoniten und Hutterer sind sogenannte Wiedertäufer. Wegen ihrer
biblisch
begründeten Ablehnung der Kindstaufe wurden sie nicht nur von der
katholischen
Kirche, sondern bereits von den ersten Reformatoren verfolgt, was für Tausende
Folter und Hinrichtung bedeutete. Kein Herrscher, der ihnen Asyl in seinem Reich
gewährte, ließ sie lange in Frieden: Wann immer sie aus christlicher
Überzeugung den Kriegsdienst verweigerten, war ihnen die nächste
Unterdrückung
gewiss. Erst in Nordamerika blieben sie weitgehend unbehelligt. Ihre
Abschottung
vom Rest der Welt begründen sie teils mit Bibelworten, teils mit den
Erfahrungen ihrer
Ahnen, die in blutrünstigen Moritaten überliefert sind.
(Empfohlen seien hier die Bücher von
Michael Holzach und
Bernd Längin.)
1534, mit der Errichtung des (zum Glück kurzlebigen) Täuferreichs
von Münster, machten Mennoniten ihrerseits Andersgläubigen das
Leben zur Hölle.
In dem Roman "Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer" (1917) hat
der Dorfschullehrer Johannes Gillhoff (1861-1930) – nach
eigenem
Bekenntnis – Briefe mehrerer Auswanderer
aus seinem Heimatdorf Glaisin (ca. 10 km westlich von Ludwigslust/
Mecklenburg) verarbeitet. Der amerikanische Wissenschaftler Eldon
L.Knuth (pensionierter Professor für Aeronautik, selber ein Nachkomme
von Mecklenburger Auswanderern in Iowa) fand heraus, daß das Pseudonym
"Jürnjakob Swehn" vor allem für den Briefeschreiber Carl Wiedow (*
1847) steht. Wiedow wanderte 1868 aus der sogenannten Griesen Gegend
nach Amerika aus und ließ sich 1872 zusammen mit seiner Frau Catherina
Elisabeth Schröder ("Wieschen", * 1847) als Farmer in Clayton County,
Iowa nieder. Sie hatten fünf Kinder, deren Nachkommen zum Teil noch
leben. Carl Wiedow starb 1913, "Wieschen" 1930. Beide liegen in Clayton
County begraben, auf dem Friedhof der Kirche, von deren Bau "Jürnjakob"
im Briefroman berichtet. Sie sind also nicht, wie dort im letzen
Kapitel angedeutet wird, in ihre Heimat zurückgekehrt.
Die Infos sind entnommen aus der Zeitschrift "Mecklenburg",
Ausgabe 3/98. Das dort abgebildete Foto der Familie Wiedow kann in
der Dauerausstellung der "Gillhoff-Stuv" in Glaisin besichtigt werden.
Oder aber auf
dieser Website.
Gillhoff vernichtete nach eigenem Bekunden Carl Wiedows Briefe, als er
den "Jürnjakob Swehn" beendet hatte. Offenbar wollte er so
die Trennlinie zwischen Verbrieftem und Erdichtetem verwischen. Den
philologischen Erkenntnissen der Gillhoff-Gesellschaft zufolge dürfte
in Wahrheit nur etwa die Hälfte des Romans auf Briefen basieren. Manche
Episoden des Romans stammen gar aus der Biographie Johannes Gillhoffs
und seiner Familie. Hartmut Brun, Vorsitzender der
Gillhoff-Gesellschaft, weist auch auf die sozialkritischen Untertöne
des Buches hin, teils wohl Gillhoffs Kommentare zum wirtschaftlichen
Elend Mecklenburgs zu Beginn des 20. Jahrhunderts.